Drei Jahre ist es nun her, dass Großkanzler Ygnaz S. Adoulin, Initiator der jüngsten Kolonisierungsbestrebungen, das Zunftsystem ins Leben rief.

In dieser kurzen Zeit haben es die Zünfte geschafft, das Leben aller Bürger zu verbessern. Sie sind aus Adoulin nicht mehr wegzudenken.

Das sagen zumindest die Politiker. Ich wollte wissen, wie der einzelne Adouliner über die Arbeit der Zünfte denkt und habe mich in beiden Teilen der Stadt umgehört. Was ich dabei alles Interessantes erfahren habe, könnt ihr hier lesen.



Eng gehüllt in meinen Mantel war ich in den Straßen Adoulins unterwegs, um die Bürger nach ihrer Meinung zu fragen. In der Nähe des Jorius-Walls in West-Adoulin begegnete ich Ruth, die gerade frischgebackene Pioniere in den Gefahren jenseits des Walls unterwies. Sie nahm sich einen Augenblick Zeit, um mir zu antworten.


„Wie hat sich Ihr Leben seit der Gründung der Zünfte geändert?“, fragte ich.

„Es melden sich immer mehr Abenteurer bei der Pionierzunft, um etwas zur Erschließung Ost-Ulbukas beizutragen. Die Zunft trägt dazu bei, dass unser Unterfangen auch in Übersee immer bekannter wird. Das freut mich sehr, besonders weil die Kolonisierung der Wunsch unseres Großkanzlers Ygnas ist.“

Mir sei an dieser Stelle ein kleiner Exkurs erlaubt: Sechs Zünfte sind in Adoulin tätig. Egal ob Kolonisierungsarbeiten, Sicherheitspatrouillen oder Warentransport … Die unter staatlicher Führung stehenden Zünfte leisten den Bürgern in vielen Lebensbereichen unschätzbare Dienste. Die Leitung der Zünfte obliegt den Zunftmeistern, die zusammen mit den sechs Ministern das Konzil der Zwölf bilden.

Ich beschloss, meine Erhebung mit einer neuen Frage fortzusetzen. Als nächstes stand mir Alienor Rede und Antwort, die sich als Expertin in Sachen Wegpunkte einen Namen gemacht hatte.

„Denken Sie, dass die Zünfte gute Arbeit leisten?“, lautete meine nächste Frage.

„Ich bin mit der Wartung der Wegpunkte betraut. Dabei wende ich mich manchmal an die Zunft der Erfinder, um eine bestimmte Sonderanfertigung zu bestellen. Sie entwickeln immer gute Lösungen und haben mich noch nie enttäuscht. Für …“



Plötzlich platzte ein auffällig gekleideter, glatzköpfiger Geselle in unser Gespräch.

„Tag, Hübscher! Was machst du denn hier? Obwohl, so hübsch bist du nun auch wieder nicht.“

Ich konnte mir einen leicht gereizten Seufzer nicht verkneifen. Aber gut … Vielleicht hatte der Bursche in den extravaganten Klamotten ja etwas Interessantes über die Schausteller zu berichten. Ohne dass ich fragen musste, schoss er los:

„Du, hör mal! Bei den Schaustellern gibt es jetzt diese neuen Spiele. Die machen total Spaß, die musst du uuuunbedingt mal ausprobieren! Und diese neue Komikertruppe, die ist vielleicht witzig, sag ich dir. Zum Schieflachen! Hast du dir das aufgeschrieben? Hach, die Schaustellerzunft ist der Hit. Wo haben die nur all ihre Ideen her?“

Der junge Mann sprach, ohne Luft zu holen. Gesprächige Menschen erleichtern mir die Arbeit, aber das war schon fast zu viel des Guten. Angenehmer fand ich die schnurrende Stimme, die ich in einem eigentümlichen Rhythmus herüberrufen hörte:

„Leckeres, frrrisches Gemüüüse! ♪“

Eine Mithra in einem gewagten Outfit pries Gemüse aus dem Rala-Aquädukt an. Des quasseligen Kerls überdrüssig, ging ich zu ihr herüber.

Ich landete vor dem Obst- und Gemüsestand einer betagten Elvaan names Ansegusele. „Hallo, Frau Ansegusele! Wie läuft das Geschäft?“, grüßte ich sie.

„Geh weiter, ich hab zu tun!“, flachste die freundliche Frau.

Frau Ansegusele verkauft schon seit 35 Jahren Gemüse in Adoulin. Das Städtische Arboretum im Rala-Aquädukt versorgt sie bevorzugt mit besonders leckeren Popotos und knackigen Feenäpfeln. Jeden Morgen liefert die Kurierzunft das Gemüse pünktlich und zuverlässig an ihren Stand. So war es auch nicht verwunderlich, dass sie nur Gutes über die Kuriere zu sagen hatte.

„Ich habe den Zünftlern viel zu verdanken. Früher musste ich den Weg in den Rala-Aquädukt selber antreten oder einen Tagelöhner anheuern, aber die waren nicht immer zuverlässig. Jetzt habe ich mehr Zeit, um mit meinen Kunden zu sprechen oder den Stand schön herzurichten.“

Schnell, zuverlässig, gewissenhaft – so lautete der Ruf der Kurierzunft also.

Im Rala-Aquädukt unterhält auch die Wächterzunft einen Posten. Sie sorgt für die Sicherheit in den Straßen Adoulins. Besuchern aus San d’Oria fallen sofort die Wächter auf, die ihre prächtigen Rüstungen nicht ohne Stolz zur Schau tragen. Reich bestickt, im Adouliner Blau gehalten, Arme und Beine im leuchtenden Orange, dazu weiße Akzente – die Wachen dieser Stadt haben Schneid!

Die Rüstungen sind indes kein Ausdruck von Eitelkeit, sondern zeugen von dem Perfektionismus, mit dem die Wächterzunft ihren Dienst versieht. Sie beschützt die Bürger vor Bedrohungen, wenn auch der ein oder andere Bürger sie als zu streng empfindet… Aber das soll heute nicht das Thema sein.

Ich war mit meiner Befragung am Ende und damit beschäftigt, meinen Bericht zu schreiben.

Doch eine Zunft hätte ich fast vergessen zu erwähnen! Meine eigene, die Zunft der Kundschafter. Uns obliegt das Sammeln und Aufzeichnen von Informationen. Das kann auch schon einmal eine geheime Mission beinhalten. Denn Wissen ist Macht.

Es gibt Informationen, deren Wert in Geld gar nicht zu bezahlen ist. Ein einziger Satz hat die Macht, ein ganzes Land ins Wanken zu bringen. Zum Beispiel ergab es sich einmal, dass …

Doch halt. Ein Kundschafter muss gut abwägen, was er niederschreibt. Wenn mir ein Gedanke kommt, der der strengen Zensur der Zunftmeisterin Margret nicht standhalten würde, ist es an der Zeit, den Stift ruhen zu lassen. Dazu kommt, dass man zurzeit sehr um gute Beziehungen zum Großherzogtum Jeuno bemüht ist. Deswegen vergebe man mir diesmal die nebulöse Andeutung.

Ich für meinen Teil betrachte es als selbstverständlich, dass wir Kundschafter die neu in Adoulin eingetroffenen Abenteurer mit klaren, ehrlichen und gut recherchierten Informationen versorgen, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Das nützt allen, denn nur eine erfolgreiche Kolonisierung garantiert das Wohl Adoulins.

Wegellion, Kundschafter

Illustration: Mitsuhiro Arita